99 Problems: HAUSraster #3

Streichparty deluxe

Ich müsste ehrlich gesagt mal schauen, wie viel qm2 Wand dieses Haus hat, aber in anderen Maßeinheiten ausgedrückt – in Tagen, in Farbeimern, in Muskelschmerzen, in Schweiß – weiß ich es sehr wohl.

Für die Innenarbeiten unseres Eigenheims waren Männer und Frauen in zwei Chaoskommando-Einsatztrupps eingeteilt:
Auf der einen Seite: DIE MÄNNER: Für das fachmännische Spachteln und Schleifen der Wände zuständig.

Auf der anderen Seite: DIE FRAUEN: Für das Grundieren und Streichen der Wände verantwortlich.

Ich war noch nie die große Streicherin und habe lieber meinen Freunden eine Farbrolle in die Hand gedrückt. Beim Eigenheim sieht es allerdings so aus, dass man am Ende selber ein Stück geleistet haben will, also organisierte ich mir tolle Helferinnen und mit Sekt, den Backstreet Boys und Männergeschichten hatte das ganze seinen Charme.

Zwei Etagen, viel zu hohe Wände und drei Anstriche standen vor uns.
Zuerst wurde alles mit fieser, spritzender, klebrigen Grundierung eingedeckt, damit die Wände die Farbe nicht unterschiedlich stark aufsaugen würde und es fleckig werden könnte. Danach kam die weiße Farbe flächendeckend auf Decken und Wände und als letztes dann „der Feinschliff“. So wie die Männer mit ihren Arbeiten fertig wurden, konnten wir die Räume entsprechend weiterbearbeiten. In manchen Tagen lief das ganze schleppend und wir kamen nur in Etappen weiter. Praktisch täglich schlüpfte ich in meine Streichklamotten, die schon so sehr mit Farbflecken verziert waren, dass es fraglich war, ob ich überhaupt jemals die Wand getroffen haben. Das Streichen hatte etwas Meditatives, an Abenden, an denen ich alleine mit meiner Flasche Bier und meiner Playlist in den kahlen Räumen stand, hatte ich genug Zeit das Leben zu reflektieren und die Gedanken zur Ruhe kommen zu lassen. Trotz aller dem wünschte ich mir nach einigen Tagen nur endlich fertig zu werden – die Finger taten einem weh, die Haut war schon ganz rissig, die Nackenschmerzen wurden immer grausamer und ich hatte keine Lust mehr auf die Farbreste in meinen Haaren.

Die größte Hölle war das „Über-Kopf-Streichen“ der Decken.
Nachdem wir die hohen Wände in den ersten Tagen noch mit Selbstbau „Holzstab“ strichen, auf die wir die Farbrolle steckten, die immer wieder abfiel, hatten wir mit der Zeit echte Teleskopstangen – edel geht die Welt zu Grunde – jedoch machte es das Streichen der Decken nicht bequemer.
Während die Decken in den Schlafzimmern bereits fertig waren, musste im Erdgeschoß alles noch gespachtelt werden. Unsere Helfer gaben nämlich leider vorher auf und so mussten wir eine Firma dafür beauftragen. Ein Bekannter empfahl uns einen polnischen Trupp – die Männer waren schnell, leisteten gute Arbeit, waren zuvorkommend, sprachen nur leider kein Deutsch.

Ich hatte mir den Endgegner „Wohn,- Ess,- Küchenbereich“ bis zum Schluß aufgehoben. Die Räume sind offen zu einander und demnach eine durchgehende Deckenfläche. Um genug Zeit zu haben dies in einem ordentlichen Durchgang fertig zu machen, nahm ich mir einen Tag frei und fuhr auf die Baustelle.
Einer der Arbeiter war bereits morgens da, um noch Feinheiten fertig zu machen.
Ich schnappte mir sofort meine Malerausrüstung und legte hochprofessionell los.
Mittlerweile hatte ich so viel Übung, dass mir wirklich niemand mehr was vormachen konnte. Pah!

Nach den ersten Bahnen weißer Farbe und Erblindung durch das viele „Ausversehen-in-die-Glühbirne starren“ durchfuhr mich ein Schreck. „Ach du leev Marie! Hat überhaupt jemand grundiert, wenn ich es nicht war?“

Völkerverständigung

Ich ließ sofort alles fallen und rannte zu Alex, dem freundlichen Polen, blieb nur die Frage wie ich mich ihm mitteile. „Kann ich schon streichen?“ – „He?“ – „Streichen? Wände?“ – Er legte seine Arbeit nieder und folgte mir. Ich zeigte auf die Wand und machte mit meinem Arm die klassische „Rolle-hin-und-her-schwingen-Bewegung“. „Aaaaah“, ging Alex das Lämpchen auf. „Tak, tak, streichen“, sagte er.
Ich verstand das als Zustimmung, nahm aber zur Sicherheit noch meinen Telefonjoker und rief meinen Mann an. Der versicherte mir, dass besprochen ist, alles streichfertig zu spachteln und deshalb von unserer Seite nicht mehr grundiert werden muss. Ich sollte mir also keine Sorgen machen.
Gott sei Dank hatte ich mich nochmal rückversichert, jetzt konnte ich beruhigt weiter machen.

Alex, der mittlerweile auf meine Arbeit aufmerksam geworden war, gesellte sich zu mir und schien fasziniert davon zu sein, dass ich „selbst-ist-die-Frau“ unsere Streich-Arbeiten ganz alleine ausführte. Und ich konnte ihn verstehen, ich fühlte mich auch ganz, ganz toll.
Bis …., ja bis Alex anfing mir zu erklären, was ich nicht alles falsch machte.
Er schüttelte den Kopf, nahm mir meine Farbrolle aus der Hand und sagte: „Guck du, Farbe non-stop, Farbe non-stop“ und führte mir seine Fachkenntnisse vor.

Aha! Also dann versuch ich das auch mal so.
Ich machte es ihm gleich und wieder „Nein, nein, non-stop-Farbe, non-stop-Farbe“. Er nahm sich wieder die Farbrolle und machte es mir noch einmal vor. „Gut, das Gleiche habe ich doch gerade auch gemacht, aber ist ok!“, dachte ich mir.

Versuch 2 und wieder machte ich alles so wie er es mir gezeigt hatte. „Nein, nein, non-stop-Farbe“ – „Ahaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa, was willst duuuuuuuu von mir, verdammt“, bekam ich einen mittelschweren innerlichen Ausraster und beruhigte mich damit, dass er es ja nur gut meinte. Bis ich endlich von dem Live-Tutorial erlöst wurde, dauerte es noch sechs weitere Lerneinheiten und ich hatte bis zum Schluß keine Ahnung was der gute Mann eigentlich von mir wollte. Wir verblieben also so, dass er das Esszimmer noch zu Ende streichen würde und ich dann das Wohnzimmer mache. Ja, alles klar! Hauptsache ich habe dann in meinen eigenen vier Wänden wieder meine Ruhe. By the way: Die Pause war eigentlich gar nicht verkehrt! Warum eine Nackenstarre fördern, wenn man eine leckere Weizenkaltschale trinken kann? Eben!

Alex bekam derweilen einen Anruf auf seinem Handy, womit ich die Chance hatte, meine Farbe wieder zu erobern und weiter zu streichen. Während er hin und her spazierte, strich ich schon beinahe fröhlich unsere Wohnzimmerdecke. Es war Parcour-Streichen, da überall in dem Raum Werkzeug und Materialien rumstanden.
Als ich mich in den letzten Zügen befand – die Glücksgefühle in mir nicht mehr zu unterdrücken waren, dass das alles gleich ein Ende hat – 11 Farbeimer, 9 Räume und 3 Wochen später –  schaute mich Alex kritisch an.

„Was ist denn nun schon wieder“, wunderte ich mich und wartete irritiert was er jetzt sagen würde.

Wie sagt man „Danke für Gar Nichts“ auf polnisch?

„Eigentlich nichts gut“, sagte er verkniffen. „Eigentlich erst Grund!“
„Grund?“
„Tak! Erst Grund, dann Farbe!“
„Du meinst Grundierung?“, fragte ich sicherheitshalber, während mein Blutdruck stieg.
„Tak!“, sagte der nette Alex.

Ich zählte bis 10, um nicht in Tränen auszubrechen oder etwas gegen meine frischgestrichenen Wände zu schmeißen.
Konnte es sein Ernst sein, dass er stundenlang sah, dass ich meine Wände strich und mir sogar dabei half – mitstrich – die Wände mitstrich – selber diese Wände strich und nachdem draußen bereits die Sonne unterging und ich praktisch fertig war, mit dieser glorreichen Feststellung um die Ecke kam?

Genau in diesem Moment drehte sich ein Schlüssel im Haustürschloss um und mein Göttergatte betrat den Raum.
„Schatz, weißt du was mir Alex gerade mitteilte? Diese Decken sind nicht grundiert worden“
Daraufhin antwortet mir mein Liebster achselzuckend und wenig beeindruckt: „Ja, hättest du ihn besser vorher nochmal gefragt“!“

Na danke, Dziekuje!

 

 

 

 

2 Gedanken zu “99 Problems: HAUSraster #3

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